Freitag, 27. Oktober 2006
Ein Freund
Immerwieder muss Frau Stella an ihn denken, den Freund aus Oberstufenzeiten. Daran wie sie zusammen mit Anderen im SV- Raum die Freistunden verbummelt haben, oder wie sie sich auf Parties gegenüber in den Schneidersitz gesetzt haben und mit den Oberkörper tanzten, wie sie sich in einem kleinen Büchlein kleine Briefe schrieben und sich dann wechselseitig zuschoben. Das kleine Büchlein besitzt Frau Stella noch.
Frau Stella und "Stöps" waren ein Herz und eine Seele.
Und das änderte sich auch nicht, als sich Stöps als schwul outete.
Es war so eine Art Seelenfreundschaft, die sie verband und immer zusammenhängen liess.

Dann brach der Freund nach der 12. Klasse die Schule ab und ladete erst ein mal auf einem Bauernhof. Der Kontakt hielt sich noch einige Jahre, über die gemeinsamen Schulfreunde und so verfolgten sie die Lebenswege des Anderen aus der Ferne.
Frau Stella machte eine Malerlehre in einem Freilichtmuseum, restaurierte dann Bilderrahmen und Heiligenfigürchen und landete später in Hamburg im Kindertheater, um Figuren zu bauen.

Stöps arbeitete beim Fernsehen und machte die Ausstattung für Kapitän Blaubär, er zog nach Berlin in eine Schwulen WG.
Das war vor ungefähr zehn Jahren und es war das letzte Mal, dass Frau Stella ihn besuchte.

Der Kontakt schlief ein.
Frau Stella hatte das Gefühl langweilig und spiessig zu wirken, im Vergleich zu dem wilden Leben eines Schwulen in Berlin und traute sich nicht mehr anzurufen.

Frau Stella traf Stöps noch einmal -zufällig- in Berlin am Bahnhof Zoo. Und er sah nicht gut aus ihr Freund aus Jugendtagen. Blass und abgemagert war er. Frau Stella erfuhr, dass er gerade eine Hepatitis gehabt habe, aber Ihre Phantasie liess anderes vermuten.

Seitdem gibt es kein Lebenszeichen von ihm und doch muss Frau Stella immer wieder an ihn denken.
An ihren Stöps. Wie es ihm wohl jetzt so geht, wo er lebt, was er macht?
Neulich hat Frau Stella gegoogled und tatsächlich
sie fand zwei Lebenszeichen von ihm.
Einen Artikel über ein Figurentheaterstück 1999 in Berlin, wo er scheinbar Figuren gebaut hat und einen Film (The Raspberry Reich), bei dem er Produktionsdesigner war.
Aber eine Telefonnummer in Berlin fand sie nicht.

Sie vermisst ihn.
Aber immerhin er lebt und das beruhigt sie.

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Donnerstag, 26. Oktober 2006
Musterdurchbrechen
Muster durchbrechen tut gut!

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Mittwoch, 25. Oktober 2006
Heimat
Fast jeden Morgen begegnet Frau Stella ihnen:
Dem anzuggepflegten Mann mittleren Alters auf dem Weg zur U-bahn, der sich gedankenversunken, an der Ampel stehend, mit einem Elektrorasierer die letzten Stoppeln vom Kinn holt.
Der plumpen Frau, die ihren mit lila Punkten besprühten, weissen Terrier gassiführt und dabei leicht irre in die Gegend lächelt.
Dem abgewrackten Altrocker, mit Tattos bis unters Kinn und voller Bikermontur, der täglich Einkaufstaschen tragend seiner Frau Mama hinterherdackelt.
An manchen Tagen, da nimmt Frau Stella sie kaum wahr, zu beschäfftigt ist sie mit sich und ihrer kleinen Welt.
An anderen verschaffen diese Menschen ihr ein diffusses Unbehagen, aufgrund ihrer Schrägheit, ihrem leichten Verrücktsein. Es ängstigt sie.

Aber heute, ja heute könnte Frau Stella ihnen um den Hals fallen, denn heute geben sie Frau Stella ein Gefühl von Heimat.

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